Grüne Soße und Gottes Segen

Der Kochclub Kassel erreicht mit dem Gottesdienst in Berufskleidung viele Gastronomen – und die Nachbarschaft der Gastgebergemeinde

In Weiß in die Kirche, der Anlass dafür kann eine Hochzeit sein – oder der Gottesdienst in Berufskleidung, den der Kochclub Kassel jedes Jahr in der zweiten Aprilhälfte in der evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Wehlheiden feiert. Eingeladen sind dann nicht nur alle Generationen des Berufsstandes, auch Gemeindemitglieder und, Nachbarinnen und Nachbarn „in zivil“ dürfen kommen. Das Verhältnis liegt bei 70 zu 30 Prozent. Beim anschließenden Empfang gibt es leckere Canapés oder die von einem Kochclub-Mitglied kreierte Kassler Grüne Soße zu kosten. Deshalb den 21. April 2026 vormerken!

In Wehlheiden heimisch sei das Angebot seit einigen Jahren, erzählt Hans-Adolf Müller, Kochclub-Vorsitzender und Vollblut-Küchenchef. Ihm dürfen Gäste im Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe sogar über die Schulter schauen, wenn er am Herd zaubert. Um die Ecke, in der Wilhelmshöher Kapelle, hatten die Köche zuerst ihren Gottesdienst abgehalten, irgendwann überstieg die Raummiete aber das finanziell Machbare.

Seinen segensreichen Aufwind erfuhr der Gottesdienst in Berufskleidung zusätzlich beim ökumenischen Treffen zum Laurentiustag des hessischen Köchevereins, zu dem zu Hochzeiten 600 Teilnehmende anreisten, jedes Jahr in eine andere Stadt. Laurentius ist der Schutzpatron der Köche. Gefeiert wurde Mitte August, rund um seinem Namenstag, sogar mit Gründung und Einberufung eines Laurentius-Ritterordens für die verdientesten Küchenmeister. Die mit den meisten Sternen also? Hans-Adolf Müller verneint. „Die Auszeichnung des Ritterschlages ging an alle, die sich sozial engagiert haben.“ Er selbst erhielt sie auch.

Gottes Segen für die Ritter und Knappen in Weiß wird mittlerweile im kleineren Rahmen lokal gespendet, auch in Kassel. Das initiierte der mittlerweile pensionierte Oberkirchenrat Horst Dickel der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Er machte er den Kirchlichen Dienstes im Gastgewerbe zur Herzenssache, schloss sich dem Kochclub an und integrierte ihn ins Portfolio der missionarischen Dienste der Landeskirche. Die Liste der Veranstaltungen ist seitdem lang geworden, das Netzwerk des Kochclubs gewachsen. Auch wenn der Verein gegenwärtig nur 14 Mitglieder zählt, aktive Unterstützung erfährt er zahlreich, zum Beispiel bei Kochaktionen für einen guten Zweck in der Kasseler Markthalle. „Wir können jährlich 25.000 Euro spenden“, bilanziert der Vorsitzende. Das Interesse der Jugend gelte weniger der Mitgliedschaft. „Das hat sich eben geändert. Zu meiner Zeit sind Azubis mit dem Chef in den Köcheverein gegangen, jeder war dort Mitglied.“ Hans-Adolf Müller ist seinen Lehrlingen Vorbild, in deren Wahrnehmung aber nicht nur dadurch, dass er die Geschicke des Kochclubs lenkt.

In der lebendigen Gemeinde Kassel-Wehlheiden ist der Gastronomie-Gottesdienst in Berufskleidung gut angedockt. „Die Landeskirche leistet sich keine Pfarrstelle für den Kirchlichen Dienst im Gastgewerbe“, meint Hans-Adolf Müller. Er formuliert es nicht als Kritik, eher als Einschätzung, dass institutionelle Anbindung ein strategischer Vorteil wäre. Realistisch ist das in Zeiten struktureller Engführung der Landeskirchen nicht.

Die Qualität des Formats hängt wiewohl nicht davon ab. Der Gottesdienst erreicht viele Gastronomen aus Kassel und Hofgeismar, wo das Land Hessen seine Köchinnen und Köche ausbildet. Hans-Adolf Müller ist dort Berufsschullehrer und – seit 30 Jahren – Prüfer. 2025 reagierten seine eigenen Auszubildenden zurückhaltend auf die Einladung, die Kochjacke für den Gottesdienst überzustreifen. Von 20 jungen Menschen, die ihre Berufslaufbahn im Gastgewerbe vom Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe aus starten, „kamen zwei“, erinnert er sich, „doch die fanden es toll“. Gottes Segen wirkt so im Kleinen in der Gastronomie hinein.

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