VCH-Präsidentin feiert Berliner Dienstjubiläum

Gestartet im Schwarzwald, gelandet an der Spree: Seit 20 Jahren lebt und arbeitet Stefanie Jüngerkes in Berlin. Ihr Dienstjubiläum ist zugleich der 20. Geburtstag des Dietrich-Bonhoeffer-Hotels im Bezirk Mitte. Die Direktorin der Berliner Hospes GmbH ist seit zwei Jahren auch Präsidentin des VCH. Wie es sich ihr Vater gewünscht hatte, lernte sie die Gastronomie von der Pike auf kennen.

Manchmal macht ein Bogen Papier den Unterschied. Ein Brief kroch vor drei Jahrzehnten aus dem Faxgerät des Hotels Bareiss in Baiersbronn im Schwarzwald; Absenderin war eine junge Frau aus dem südbadischen Bad Säckingen, Abiturientin, Tochter einer Konditorenfamilie. Ihre Anfrage: „Welche Berufe kann man in einem Fünf-Sterne-Hotel lernen?“
Drei Häuser im Schwarzwald hat Stefanie Jüngerkes – damals Stefanie Schmidt – angeschrieben. Mutig, unkonventionell, „aus heutiger Sicht vielleicht auch ein bisschen naiv“, überlegt sie. Damals war sie arglos, schließlich hatte der ältere Bruder das Vorgehen für gut befunden, als sie eines Abends den Gedanken laut dachte, beruflich Richtung Gastronomie zu gehen.

„Das Bareiss antwortete per Brief, auf wertigem Papier, und legte eine Broschüre über das Haus bei“, erinnert sie sich. Das habe sie beeindruckt. Zumal sich das zweite der angefragten Häuser darauf beschränkte, ihr Fax – mit einer kurzen Antwort versehen – zurückzufaxen. Das verwendete, dünne Thermopapier, das dabei den doppelten Weg zurücklegte, machte das Ergebnis entsprechend unleserlich. Das gab Minuspunkte bei der Berufseinsteigerin. Und Haus Nummer drei? Ließ sich mit dem Antworten Zeit.
Stefanie Jüngerkes behielt, „dass Hotelgewerbe und Gastronomie immer Service bedeutet. Dafür braucht es eine dienende Haltung.“ Diese Wertschätzung mache den für sie „schönsten Beruf der Welt“ aus.

Stefanie Jüngerkes, hier im Restaurant des Dietrich-Bonhoeffer-Hotels. Auch das hat einen Umbau erfahren.

Sie lernte im Bareiss den Beruf der Restaurantfachfrau. Nach Berlin ging es in dieser Zeit auch, erstmals, besuchsweise. 1997 begleitete sie einen Azubi-Kollegen, der seine Familie in Marzahn besuchte. Größer hätte der Kontrast zwischen Schwarzwälder Idyll und Berliner Ostmoderne kaum sein können. Ein Plattenbau ist es auch, von dem aus Stefanie Jüngerkes heute auf die Friedrichstraße blickt. Das Dietrich-Bonhoeffer-Hotel liegt nur wenige Minuten vom ehemaligen Grenzübergang entfernt, auf Ost-Berliner Boden.

Im Juni 2006 kam sie zum zweiten Mal nach Berlin, flexibel aufgestellt durch die Ausbildung plus einem Studienabschluss im Fach Kulturmanagement, Auslandsjahr im französischen Arles und Berufserfahrung im Marketing eines Schwarzwälder Uhrenmuseums. Auf einer Fortbildung hatte sie zuvor den Geschäftsführer der Hospes GmbH kennengelernt, der sie im neu gegründeten, christlichen Hotel in Berlin-Mitte für den Bereich Marketing einstellte. Sechs Monate waren schnell vorüber.
2008 wurde sie seine Nachfolgerin und ist damit auch für die Bildungsstätte Schwanenwerder in Berlin-Zehlendorf, sowie für ein kleineres Haus im Süden Brandenburgs zuständig. Das christliche Profil und der soziale Zusammenhalt am Arbeitsplatz sind die Alleinstellungsmerkmale der Häuser im pulsierenden aber auch teils anonymen Großstadtgeflecht. Gäste und das internationale Team sind gleichermaßen Teil davon. Die Hospes GmbH hält guten Kontakt zur Berufsschule Talitha Kumi, einem christlichen Schulzentrum in Palästina. Auch dort wird Nachwuchs für Hotelgewerbe und Gastronomie ausgebildet. Regelmäßig kommen junge Erwachsene aus Talitha Kumi zum Hospitieren nach Berlin. Einige sind für ein Ausbildungsjahr geblieben. Möglicherweise werden, wie bei der Chefin, für den einen oder die andere zwei Jahrzehnte daraus. Und wer sich initiativ bewirbt, bekommt die Antwort garantiert nicht per Fax.

Text: Tanja Kasischke / Fotos (2): Peter Oppermann

Segen für Ritter und Knappen in Weiß

Der Kochclub Kassel erreicht mit dem Gottesdienst in Berufskleidung viele Gastronomen – und die Nachbarschaft der Gastgebergemeinde

In Weiß in die Kirche, der Anlass dafür kann eine Hochzeit sein – oder der Gottesdienst in Berufskleidung, den der Kochclub Kassel jedes Jahr in der zweiten Aprilhälfte in der evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Wehlheiden feiert. Eingeladen sind dann nicht nur alle Generationen des Berufsstandes, auch Gemeindemitglieder und, Nachbarinnen und Nachbarn „in zivil“ dürfen kommen. Das Verhältnis liegt bei 70 zu 30 Prozent. Beim anschließenden Empfang gibt es leckere Canapés oder die von einem Kochclub-Mitglied kreierte Kassler Grüne Soße zu kosten. Nächster Termin ist in der 20. April 2027.

In Wehlheiden heimisch sei das Angebot seit einigen Jahren, erzählt Hans-Adolf Müller, Kochclub-Vorsitzender und Vollblut-Küchenchef. Ihm dürfen Gäste im Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe sogar über die Schulter schauen, wenn er am Herd zaubert. Um die Ecke, in der Wilhelmshöher Kapelle, hatten die Köche zuerst ihren Gottesdienst abgehalten, irgendwann überstieg die Raummiete aber das finanziell Machbare.

Seinen segensreichen Aufwind erfuhr der Gottesdienst in Berufskleidung zusätzlich beim ökumenischen Treffen zum Laurentiustag des hessischen Köchevereins, zu dem zu Hochzeiten 600 Teilnehmende anreisten, jedes Jahr in eine andere Stadt. Laurentius ist der Schutzpatron der Köche. Gefeiert wurde Mitte August, rund um seinem Namenstag, sogar mit Gründung und Einberufung eines Laurentius-Ritterordens für die verdientesten Küchenmeister. Die mit den meisten Sternen also? Hans-Adolf Müller verneint. „Die Auszeichnung des Ritterschlages ging an alle, die sich sozial engagiert haben.“ Er selbst erhielt sie auch.

Gottes Segen für die Ritter und Knappen in Weiß wird mittlerweile im kleineren Rahmen lokal gespendet, auch in Kassel. Das initiierte der mittlerweile pensionierte Oberkirchenrat Horst Dickel der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Er machte er den Kirchlichen Dienstes im Gastgewerbe zur Herzenssache, schloss sich dem Kochclub an und integrierte ihn ins Portfolio der missionarischen Dienste der Landeskirche. Die Liste der Veranstaltungen ist seitdem lang geworden, das Netzwerk des Kochclubs gewachsen. Auch wenn der Verein gegenwärtig nur 14 Mitglieder zählt, aktive Unterstützung erfährt er zahlreich, zum Beispiel bei Kochaktionen für einen guten Zweck in der Kasseler Markthalle. „Wir können jährlich 25.000 Euro spenden“, bilanziert der Vorsitzende. Das Interesse der Jugend gelte weniger der Mitgliedschaft. „Das hat sich eben geändert. Zu meiner Zeit sind Azubis mit dem Chef in den Köcheverein gegangen, jeder war dort Mitglied.“ Hans-Adolf Müller ist seinen Lehrlingen Vorbild, in deren Wahrnehmung aber nicht nur dadurch, dass er die Geschicke des Kochclubs lenkt.

In der lebendigen Gemeinde Kassel-Wehlheiden ist der Gastronomie-Gottesdienst in Berufskleidung gut angedockt. „Die Landeskirche leistet sich keine Pfarrstelle für den Kirchlichen Dienst im Gastgewerbe“, meint Hans-Adolf Müller. Er formuliert es nicht als Kritik, eher als Einschätzung, dass institutionelle Anbindung ein strategischer Vorteil wäre. Realistisch ist das in Zeiten struktureller Engführung der Landeskirchen nicht.

Die Qualität des Formats hängt wiewohl nicht davon ab. Der Gottesdienst erreicht viele Gastronomen aus Kassel und Hofgeismar, wo das Land Hessen seine Köchinnen und Köche ausbildet. Hans-Adolf Müller ist dort Berufsschullehrer und – seit 30 Jahren – Prüfer. 2025 reagierten seine eigenen Auszubildenden zurückhaltend auf die Einladung, die Kochjacke für den Gottesdienst überzustreifen. Von 20 jungen Menschen, die ihre Berufslaufbahn im Gastgewerbe vom Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe aus starten, „kamen zwei“, erinnert er sich, „doch die fanden es toll“. Gottes Segen wirkt so im Kleinen in der Gastronomie hinein.

Kommt Bartimäus zur Rezeption

Kein Witz! Sein Urgroßvater war Gründer der Berliner Bahnhofsmission. Der Urenkel versuchte sich als Barkeeper – entschied sich aber dann fürs Pfarramt: Nun ist Sigurd Rink Geschäftsführer des KDG.

Zu Hochzeiten in einer Großküche wird nicht lange um den heißen Brei geredet. Da sind die Abläufe fast schon militärisch-diszipliniert: „Knappe Kommandos, in der Regel vom dem, der den Hut aufhat – oder: die Kochmütze“, vergleicht Sigurd Rink, seit Jahresbeginn neuer Geschäftsführer des Kirchlichen Diensts im Gastgewerbe. Das militärische Regiment, das ihm als Bild einfällt, hat er so tatsächlich erlebt während seiner Dienstzeit als erster deutscher evangelischer Militärbischof von 2014 bis 2020. Es gebe noch mehr Berührungspunkte zwischen Bundeswehr und Küchenstab: „In beiden Fällen hat man es mit einem säkularen Arbeitsfeld zu tun, damit muss man umgehen lernen.“ Und: Es ist machbar.

Hier wie dort gilt, Kirche begibt sich an die Front, hört zu und fragt nach, was die Menschen brauchen. So versteht der aus Frankfurt am Main stammende Theologe sein Amt. Er greift eine Bibel aus dem Regal seines Büros in Berlin-Mitte, die Stelle der Bartimäus-Geschichte im Markus-Evangelium fällt ihm nicht auf den Vers genau ein. Im Blättern begründet er: „Jesus sagt zu Bartimäus: Was willst du, dass ich dir tue? So muss die Haltung von Kirche aussehen.“ Sigurd Rink findet sie in Kapitel zehn, Vers 51. Jüngst übernachtete er in einem Hotel, das ihm bei der Online-Buchung als Mitglied im Verband Christlicher Hotels angezeigt worden war. Im Gespräch mit der Rezeptionistin stellte er die Bartimäus-Frage und erfuhr, dass das Haus aus dem VCH ausgetreten war. Nicht Gott machte sich rar, die Kirche war unnahbar geblieben für die Mitarbeitenden. Es fehlte an Austausch mit anderen Hotels in christlicher Trägerschaft. „Da ist der KDG als Dachverband gefordert. Wir müssen ein solches Netzwerk werden.“ Die unbequeme Kehrseite der Medaille, Klinkenputzen, schreckt den Geschäftsführer nicht ab. Vielleicht, weil er den Dienstalltag im Gastgewerbe von Kindesbeinen an mitbekam.

Sigurd Rinks Vater war Brauereidirektor in Frankfurt am Main, verantwortlich für eine Vielzahl Speiselokale und Schankwirtschaften, viel unterwegs, auch abends. „Ich habe früh verstanden, wie Gastgewerbe funktioniert und welchem Anspruch und Druck Mitarbeitende ausgesetzt sind“, fasst er die Jugendjahre zusammen. Fast wäre der Teenager auf den Vater gefolgt. Während seiner Schulzeit, die Rink im Internat verbrachte, kümmerte er sich in der Oberstufe um die Bar der Schule. Nicht nur der Ausschank machte ihm Spaß, auch kaufmännisch erwies sich der Spross als geschickt. Letztlich aber setzte sich das prägende Vorbild des Großvaters mütterlicherseits durch, Theodor Burckhardt. Der war Pfarrer. Und dessen Vater, Johannes Burckhardt, Gründer der Berliner Stadtmission. Als Hesse? Sigurd Rink verneint. „Meine Mutter war Berlinerin. Erst als die Familie im Krieg ausgebombt worden war, verschlug es sie nach Hessen. Meinen Vater lernte sie im Studium kennen.“ Dort kam 1960 – am Geburtstag des Urgroßvaters – Sigurd Rink zur Welt. So wohl er sich in Berlin fühlt, die DNA ist hessisch, auch gastronomisch. Nach Grüner Soße kommt lange nichts.

Bis 2015 war der 65-jährige Propst in der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau und zugleich EKD-Beauftragter für Tourismus, ein Amt, das Seelsorge im Hotel- und Gastronomie mit abdeckte. „Die Stelle gibt es inzwischen nicht mehr“, bedauert er. Diese „Streitkräfte“ trotzdem im Blick zu behalten, sei kirchlicherseits nötig. Sie verkörperten das Prinzip des Diensts am Menschen jeden Tag.