Der Smalltalk wird zum Stoßgebet

Mittwochs muss Matthias Lasi früh raus, wenn auf dem Stundenplan der Grundschule Baiersbronn das Fach evangelische Religion steht. Der Unterricht beginnt um 7.45 Uhr. Heißt: Wenig Schlaf für den Pfarrer aus dem Nordschwarzwald, denn an Dienstagabenden – nicht jedem, aber regelmäßig – hält er um 21 Uhr die Gottesdienste für Mitarbeitende des regionalen Hotel- und Gastgewerbes. Die Uhrzeit ist bewusst gewählt. „Gottesdienste vormittags sind mit den Schichtplänen unvereinbar. Da können die Beschäftigten nicht teilnehmen.“ Je später der Abend, desto wahrscheinlicher ist es, dass Servicekraft, Rezeptionistin, Barista oder Sternekoch da sind. Matthias Lasi ist mit einer halben Stelle Gemeindepfarrer in Schwarzenberg im Landkreis Freudenstadt, mit der anderen Hälfte Gastronomie- und Tourismus-Seelsorger in der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Sein Job in der Ferienregion ist bundesweit einmalig. „Ich bin privilegiert, dass ich im Schwarzwald arbeite. Und auf dieser Stelle.“

„Pfarrer und Gastronomen haben ähnliche Tagesabläufe und einen ähnlichen Auftrag, sie hören Menschen zu und möchten sie glücklich sehen.“

An diesem Vormittag ist er müde, obwohl nicht Mittwoch ist, sondern Donnerstag. Für den Theologen stand gestern Abend das Angebot „Seelennahrung nach Feierabend“ im Kalender, ein Netzwerktreffen mit geistlichem Impuls und Raum für persönlichen Austausch über Gott und die Welt. Diesmal auf der Hornisgrinde, einer beliebten Wanderhütte, 800 Höhenmeter über dem Mummelsee. Ein Teilnehmer hatte kurzfristig abgesagt, weil er für einen erkrankten Kollegen in der Küche einspringen musste. Arbeitsalltag. „Pfarrer und Gastronomen haben ähnliche Tagesabläufe und einen ähnlichen Auftrag, sie hören Menschen zu und möchten sie glücklich sehen“, vergleicht Lasi und hadert keineswegs mit den abendlichen Einsätzen. Dankbarkeit und die Gemeinschaft wiegten sie auf, die Betriebe seien wie eine große Familie. Nicht zuletzt, weil es in dem Berufsstand und mit den Arbeitszeiten schwierig sei, soziale Kontakte außerhalb des Dienstplans zu pflegen.

Auf der Hornisgrinde war „Kraft schöpfen“ Thema. Matthias Lasi brachte den Vers aus Prediger 3 als Denkanstoß mit: Alles hat seine Zeit. Zeit, es auch mal gut sein zu lassen. Für die Gastronomie, die unter hohem Erwartungsdruck der Gäste stehe, kein einfach umzusetzender Ratschlag, weiß der Seelsorger. „Jenseits der Küchentür ist Lächeln angesagt, hat mir mal ein Mitarbeiter anvertraut.“ Entsprechend intensiv tauschten sich die Beschäftigten in der Runde aus. „Kirchlicher Dienst im Gastgewerbe, das sind nicht die Massen. Zumindest im Schwarzwald sind die Gastronomen aber alles andere als kirchenfern.“ Das habe ihn positiv überrascht, als er die Pfarrstelle 2022 antrat. Und: Es gelte ökumenisch. Ein Mix christlicher Konfessionen ist in den Gottesdiensten vertreten, allerdings in Zivil, auch der Sternekoch. Der Einzige in Berufskleidung ist der Pfarrer im Talar.

Apropos Berufskleidung: Im Hotel Tanne in Baiersbronn absolvierte der Seelsorger voriges Jahr ein Praktikum, um sich noch besser in seine Zielgruppe hineinzuversetzen. Früh aufstehen gehörte auch dazu. „Einmal musste ich Rührei machen. Das ging am Anfang gut. Schwierig wurde es, als zehn Gäste darauf warteten. Während die ersten beiden ihre Portion bekommen, machst du mit den folgenden drei schon Smalltalk. Und von allen musst du die Bestellung kennen. Ab da wurde es schwer.“ Der Smalltalk wurde zum Stoßgebet. Der Respekt vor dem beruflichen Können seiner Gastro-Gemeinde, schwingt in der Erzählung des Seelsorgers mit. Zuhause kocht der Pfarrer (auch) selbst, „wenn ich Zeit habe Paella. Ansonsten: Kühlschrank auf und schauen, was da ist. Das gibt’s dann.“

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